onetwomax

 

Beginn: 01.03.2008

BuiltWithNOF

Solltet ihr jetzt ein Lied hören, handelt es sich dabei um den über zwanzig Jahre alten, selbstkomponierten Song der Roadies - In the Bar at the End of the Milkstreet -

DIE VORGESCHICHTE

 

1978 … gilt im Allgemeinen in Fachkreisen als das Jahr in dem erste “bandähnliche“ Aktivitäten der Roadies zu verzeichnen waren. Man stieß in alten Schriftrollen immer wieder auf den Namen – SPRINGWATER – Man geht davon aus, das war der ursprüngliche Name der Band. Bernd ‚Obi’ Oberacker mit einem Gitarrenlernbuch von John Pearse bewaffnet, versuchte sich – mal mit mehr, meistens aber mit weniger Erfolg - an derselben und sang dazu. Uwe ‚Carlos’ Löhlein spielte sich mit seiner progressiven und unorthodoxen Spielweise dazu in eine autistische Zwischenwelt, in der sein Bass plötzlich und regelmäßig nicht mehr alle Saiten im Schrank hatte, weil er in ekstatischer Hingabe die Leistungsfähigkeit seiner Saiten regelmäßig überschätzte. So arrangierte er sich mit seinem Instrument, welches fortan nur noch 3 Saiten hatte.

Zwei andere Kreaturen waren da noch: Eine gute Band besteht ja schließlich aus mindestens 4 Leuten:

Peter Roth agierte als Sänger und gedachte die Solo-Gitarre zu bedienen. Nur leider hatte Peter noch weniger Kenntnisse als Obi, der eigentlich fast noch gar nichts konnte. Aber da waren wir unseren musikalischen Vorbildern den „Teens“ ja sehr nahe. Der vierte im Bunde, Michael „Gritsche oder Gretsche“ Grüterich passte zunächst eigentlich nicht in dieses Gefüge. Er konnte tatsächlich schon verschiedene Rhythmen an seinem Schlagzeug abfetzen. Leider gehörten diese Rhythmen zu anderen Songs, als den von uns anderen gewünschten. Daher mutierte er zum weltweit ersten Drummer, der auf einer Sanitätsliege auf dem Rücken liegend gelangweilt Schlagzeug spielte – zu Songs wie „If Paradise is half as nice“ oder „Arms of Mary“. Lediglich wenn wir Anwandlungen bekamen beispielsweise „Caroline“ von Status Quo oder „Sheena is a Punkrocker“ von den Ramones zu intonieren wachte er aus seiner Lethargie auf. Als er dann in einem verwinkelten Eck des Proberaums dann noch eine Schweißerbrille von Obi’s Vater entdeckte, wussten wir, daß er ohne dieses Teil keinen Takt mehr spielen würde. Schlagzeuger sind schon seltsame Wesen.

 

Ende 1978 … beschloss diese skurrile Truppe ihren Namen in TYPHOON zu ändern. Warum weiß kein Mensch! Überhaupt gibt es an diese Zeit nicht wirklich viele plastische Erinnerungen. Es scheint als hätte sich diese Zeit, wie bei einer durch ein schreckliches Erlebnis traumatisierten Person aus unser aller Gedächtnis gelöscht … Möglich wär’s schon.

 

Ein klitzekleiner Zufall jedoch war dafür verantwortlich, daß es die ROADIES in ihrer jetzigen Form überhaupt gibt. Die Chance war 1:1 Million, daß sich genau diese beiden Welten treffen – und es gab nur 1 Chance, aber es ist passiert. Mit Martin „Flaco“ Becker trat ein weiterer erfolgversprechender Musiker in Erscheinung. Er behauptete, er könne mit den Tasten der Orgel seines Vaters tatsächlich etwas anfangen – zwar nicht mit allen, aber doch mit einzelnen. Und so war es auch; hatte er doch auch schon erste oberflächliche Erfahrungen mit einer Kapelle älteren Semesters gesammelt . Obwohl er das Spielen nach Noten fast so gut beherrschte wie das Malen nach Zahlen, legten wir in dieser Zeit schon das Versprechen ab „Kein Lied ohne mindestens einen ‚Verspieler’“. Dieses Gelübde zieht die Band bis zum heutigen Tage mit stoischer Coolness durch; auch wenn es im heutigen semi-professionellen Stadium schwer fällt und man sich regelrecht zum einen oder anderen falschen Ton zwingen muss. Zu diesem Zweck wurde in 2004 Harry „Die Lippe“ Wagner in die Band aufgenommen. Aber Scherz beiseite, dazu später …

Mit dem Kommen von Martin ging der Ausstieg von Peter einher. Mit dem Umzug des Proberaums von Obi’s Keller in Martin’s Keller verabschiedete sich Peter aus beruflichen Gründen zum Bundesgrenzschutz. Später leistete er als Bodyguard in Staatsdiensten viele Male für allerlei Prominenz Personenschutz. Und das ist auch gut so.

 

THE ROADIES

 

Im Sommer 1979 war es dann soweit: Aus TYPHOON wurden THE ROADIES. Roadies sind normalerweise die muskelkräftigen und rastlosen Helfer von Musikbands, die Männer für’s Grobe, die das Equipment verladen, auf- und abbauen etc., den Tourbus fahren. Da die Band das alles selbst erledigte, schwor man sich auf diesen Namen ein.

Doch zwei schworen nicht mit: Carlos gab entnervt auf. Er erstens weil sein Verstärker ständig Feuer fing, zweitens weil sein Ziel, seinem Vorbild Helmut Hattler von der Deutschrock-Band Kraan nachzueifern für ihn unerreichbar schien, drittens war der beabsichtigte eindeutige Richtungswechsel zur Mainstream-Tanzmusik zuviel für ihn. Auch Grittsche war von Tanzmusik nicht sonderlich angetan: Er packte seine Schießbude zusammen und rockte wieder, wie schon zuvor mit seinem älteren Bruder, einem virtuosen Gitarrespieler, zu den Rhythmen des irischen Gitarrengottes Rory Gallagher – selbstverständlich in Original-Rockkonzert-Lautstärke. Das letzte was man von ihnen hörte war, daß sie zu Gunsten der Aktion Sorgenkind einen Hühnerstall in Schutt und Asche spielten …

Hm, da waren es nur noch zwei: Martin und Obi: Die kleinste Vier-Mann-Band der Welt. Ein Fall für das Guinness-Buch der Rekorde … Aber was soll’s - die Volksmusik-Band Alpentrio Tirol besteht auch aus vier Personen und ihre Volksmusik-Mitstreiter, das Nockalm-Quintett sind zu sechst. Naja, als Musiker muß man nicht sonderlich gut und auch nicht weit zählen können – bis drei war okay. Damit kann man wunderbar den Beginn eines Walzers einzählen. Will man aber mal einen Foxtrott spielen - ein Lied im Vier-Viertel-Takt, sollte man auch schon mal die Zahl Vier gehört haben und ungefähr wissen, wo sie im Koordinaten-System steht.

 

Nach dieser reinigenden Katharsis hatte die Band hatte zwar jetzt einen toll klingenden Namen, aber kaum noch Mitglieder. Bei diesem wohlklingenden Namen stießen jedoch viele Veranstalter in die Grenzbereiche ihrer Englischkenntnisse vor – manche schossen sogar darüber hinaus. Die Folge waren verschiedenste Variationen des Bandnamens auf Plakaten oder in Anzeigen- mal wurden die Roodies angekündigt, mal die Rowdies, aber auch Rodies wurde gerne verwendet. Sei’s drum.

 

HUDDE

 

Ein neuer Drummer musste her und auch ein gestandenes Mannsbild hinter einer Bassgitarre wäre sicherlich kein Fehler – okay, ein hübsche Bassgitarristin hätten wir auch nicht von der Bettkante gestoßen, aber davon träumten wir dann lieber des Nachts … und stellten sie uns ohne Gitarre und ohne Kleider vor. Man munkelt, das Wort Morgenlatte wäre aus diesem Grund speziell für uns erfunden worden.

Im Spätsommer 1979 betätigten sich die verbliebenen musikalischen Urgesteine zwecks Bandausbau bei verschiedenen Veranstaltungen in der näheren Region als Talent-Scouts.

Diese Aktion war eigentlich von Vorneherein zum Scheitern verurteilt. Woher sollten wir wissen, was Talent ist? Martin und Obi hatten seinerzeit zwar die größten Brillen der Welt, aber der musikalische Durchblick fehlte ihnen noch … Dieser wurde durch unerschütterliche Motivation allerdings mehr als ausgeglichen.

 

Und siehe da – in Huttenheim wurden die beiden fündig. Das Feuerwehrfest in der Bruhrainhalle war in vollem Gange. Die Feuerwehrmusikkapelle blies was das Zeug hielt. In der Mitte hinten ein Schlagzeug, das von alleine spielt. Halt, falsch: Ein zuckende Gestalt sitzt dahinter mit zwei Stöcken, die wie von Geisterhand zu wirbeln scheinen … Nein, wir sprechen hier nicht vom „Tier“ aus der Muppet-Show, welches nicht einmal durch Ketten und eine schwere Eisenkugel zu bändigen ist, sondern der kleine Wusel heißt Matthias „Katsches“ Schmidt. Obi und Martin schauen sich an und der Groschen fällt gleichzeitig: Unkontrollierte Bewegungen, motorische Fehlzündungen … Ideale Voraussetzungen bei uns mitzumachen - der Junge passt voll in unser Raster. Hm, im Gegensatz zu der Abgebrühtheit unseres weisen Alters waren wir damals aber noch allesamt schüchtern, die prädestinierten Talent-Scouts eben … Ja, wer spricht ihn an? Münzenwerfen, Zweikampf mit freier Wahl der Waffen? Oder doch lieber einfach wieder gehen? Nein, welch göttliche Fügung. Obi traut kaum seinen Augen. Ist das nicht eine Klassenkameradin, die es da oben auf der Bühne gerade der Klarinette besorgt? Tatsächlich – Katja Bierlein (Chapeau! Welch ein Name! Wenngleich Bierchen sicherlich noch schicker wäre … Solch ein Name wäre ja für uns Musiker Verpflichtung zugleich …)

Naja, in der Pause spricht Obi dann die Katja an und was sie ihm über Katsches erzählt, hört sich gut an. Warum also noch eine Pause abwarten? Sie winkt Katsches her. Er nickt fragend zurück, zündet sich aber eine Zigarette an und trollt heran. Oha, das ist er also – woaaah … so sieht also Akne aus der Nähe aus. Oder sind das im Gesicht nur Verletzungen, die er sich beim Trommeln zugezogen hat?

Glücklicherweise brauchen Männer nicht viele Worte: Er bekundete sein Interesse für die Band. Witzigerweise stammen seine Eltern auch aus Rußheim – die Rußheimer Blutlinie der Roadies war also weiterhin gewährleistet. Und so fuhr Martin’s Vater gleich dienstags mit den beiden Roadies nach Huttenheim. Katsches wurde mitsamt seinem Schlagzeug abgeholt. Und das war ein fataler Fehler. Nachdem er seine Aufnahmeprüfung – eine Flasche Bier auf „ex“ austrinken, bestanden hatte wurde er von uns umgetauft. Ab sofort hatte er auf den Namen „Hutte“zu hören, weil er eben in Huttenheim wohnte. Er machte sich ganz gut und auch beim Singen war er gar nicht schlecht. Das merkte er natürlich selbst. Nach und nach legte er nun aber ein äußerst divenhaftes Verhalten an den Tag. Er schnorrte ständig bei Obi und Martin Zigaretten ohne Ende, obwohl er der einzige war, der bereits eine Ausbildung machte und wenigstens ein paar Kröten verdiente. Dann ließ sich immerfort abholen, statt sich selbst um seine Beförderung zu kümmern. Doch es lief gut mit der Musik und Obi und Martin sahen darüber hinweg, denn plötzlich ging es ganz schnell: Weihnachten 1979. Weihnachtsfeier des VdK Rußheim (Verein der Kriegsbeschädigten). 60 Mark haben die Roadies zu dritt bekommen – für den ganzen Abend. Ja, damals waren die Kriegskassen noch leer.

Am Ende des Auftritts waren die Leute nicht nur kriegsbeschädigt … ab sofort war die auch noch hörgeschädigt, denn die drei hatten sich für 10 Mark, bei Elektro-Gablenz um die Ecke einen Lautsprecher ausgeliehen. Der hat gebrummt wie eine Stuka im 2. Weltkrieg – und dieses Brummen galt es natürlich durch die Musik zu übertönen … Wir hätten nicht gedacht, daß man mit steifen Gliedern und Holzbeinen so einen flotten Fuß tanzen kann. Auch Martin’s Vater war ganz gut unterwegs – trotz einiger Zehen, die er in Leningrad gelassen hat.

2 Monate später kamen dann ein denkwürdiger Auftritt in der damaligen Rußheimer Kult-Kneipe „Café MC“ von Micha und Margret. Viel Platz war ja wirklich nicht, aber „Hölle, Hölle, Hölle …“ waren da Menschenschlange am Vordereingang – und durch den Hinterausgang sind die Gäste wieder abgehauen. Quatsch, Superstimmung war und die Jugendlichen und auch einige ältere Gäste sind vor dem Café auf der Treppe auf dem Gehweg und auf der Hintertreppe gesessen. Auch Peter war gekommen und hörte zum ersten Mal seine Ex-Band. „Nicht schlecht, Rudi!“, meinte er zu Obi, der aus seiner Fußballvergangenheit noch einen zweiten Spitznamen nach HSV-Elfmetertöter-Torhüter Rudi Kargus hat. Auch Obi’s Vater war begeistert; so sehr, daß er das Rauchen wieder anfing – zum Glück hat er paar Tage darauf gleich wieder aufgehört. Ein paar Wochen später wurde die Veranstaltung gleich nochmal wiederholt. Diese Auftritte werden unvergessen bleiben. Und nun ging es mit Auftritten richtig los …

 

HERBSE

 

Obi’s Fußball-Weggefährte Herbert „Herbse“ Weil – gerade einer mittelschweren Depression aufgrund massiven Liebeskummers mit seiner ersten großen Liebe entronnen – suchte einen neuen Lebensinhalt: War er bis dato leidenschaftlicher Fotograf – insbesondere der Gruppenfotograf der Roadies – bekundete er außerordentliches Interesse, das virtuose Basspiel zu erlernen und künftig mit auf den Fotos zu sein. Martin, als staatlich geprüfter Vize-Dirigent erklärte sich bereit Herbse die Tönelehre näherzubringen. Obi hatte es indes gefickt eingeschädelt, daß er in dieser Phase des Bass-Crash-Kurses nicht im Lande war: Er flog Anfang März 1980 mit seiner Schulklasse in die USA. Statt trockenen Noten frönte er feuchten Küssen mit hübschen jungen Amerikanerinnen. Die Strafe folgte auf dem Fuß und er kehrte nach 4 Wochen Aufenthalt im Bundesstaat Maine mit einem massiven „Kissing Disease“ am Hals nach Rußheim zurück. Diese Angina (deutsche Bezeichnung) hielt ihn einige weitere Tage von der Musikprobe fern. Als er danach dann wieder ins Musikgeschehen eingriff, glaubte er zuerst seinen Augen und dann seinen Ohren nicht zu trauen. Herbse und sein Instrument waren „eines“ geworden. Vom Corpus des Hoyer-Basses blitzten ihm vier jungfräuliche Saiten wie Goldzähne entgegen. Endlich war dem Instrument sein Geist zurückgegeben worden. Doch nicht nur die Optik stimmte, auch der Sound war vielversprechend. Ein nagelneuer H+H-Bassverstärker stand da, wo Herbse’s künftiger Platz im Proberaum sein würde – und daneben eine tiefschwarze Fender-Bass-Box. Schon bei den ersten Tönen wusste Obi, daß Martin bei seiner Power-Ausbildung gute Arbeit geleistet hatte. Herbse konnte zwar noch nicht Katchathurian’s Säbeltanz begleiten, aber immerhin hatte er schon einen astreinen Dreivierteltakt in seinem Repertoire. Womit er sich aber glücklicherweise nicht zufrieden gab. Er erhöhte nochmal seine Schlagzahl und hatte innerhalb weniger Wochen fast alle geläufigen Rhythmen „drauf“. Das war auch gut so, denn Herbse’s Feuertaufe stand bevor: In den folgenden 4 Wochen standen 5 Auftritte im Roadies-Terminkalender. Ruhigen Gewissens konnten wir nun endlich von Martin’s absolut uncoolen Dr.-Böhm-Fußpedal-Bass auswildern.

 

Bis Ende 1980 hatten die Roadies bereits 20 Auftritte gemeistert, einschließlich zwei coolen Disco-Partys, die die Sparkasse für Jugendliche veranstaltete.

Doch irgendwann überspannte Hudde den Bogen, als er auch noch regelmäßig seine Trommelstöcke in die mit Styropor verkleidete Decke rammte. Bei jedem Rock ’n’ Roll rieselten aus diesen Wunden nun die Styroporkügelchen herab in den Proberaum – eine gepflegte Sauerei.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende: Nach einem weiteren unentschuldigten Fernbleiben von einer Probe setzten Obi und Martin im Januar 1981 sein Schlagzeug kurzerhand vor die Tür und gaben ihm telefonisch kurz Bescheid, daß er sich mit dem Abholen beeilen sollten, da bereits dunkle Wolken am Firmament zu sehen waren. Irgendwo muß er ein Loch im Raum/Zeit-Kontinuum gefunden haben, denn kaum war der Hörer aufgelegt, klingelte es auch schon an der Tür. Auch durch feuchte Augen, reuevolles Beteuern und geloben von Besserung ließen sich die herzlosen Alt-Roadies nicht erweichen. So hart wie damals waren die beiden nie mehr. Raus!

 

MARKUS

 

Zufälligerweise war bereits ein Nachfolger in der Warteschleife – Markus „Kussi“ Heger, der Erfinder der zweiten Stimme, ein Schulkamerad aus Martin’s Realschulklasse. Seine Auslegung dieser Überstimme variiert exponential zur Anzahl seiner getrunkenen Biere, wobei das, was dann aus den Lautsprechern herauskommt eher aus der Tierwelt zu kommen scheint und durch kein Lehrbuch legitimert ist – möglicherweise sind das aber auch unfreiwillige Ausflüge auf das Terrain der experimentellen 12-Ton-Musik.

Das Ende mit Schrecken hatten wir gerade hinter uns (wobei das Entsetzen eigentlich mehr auf Hudde’s Seite lag), den Schrecken ohne Ende hatten wir aber von nun an abonniert. Seit 1981 Jahren versuchen die Rest-Roadies dieses Abo anzufechten, doch Luzifer am Schlagzeug ist immun. Er demonstriert in regelmäßigen Abständen, daß er es nur auf eines abgesehen hat: Unsere Seelen. Wenn in der Hölle gerudert wird und Kussi gibt die Schlagzahl vor - dann Gnade uns Gott. Er ist leider nur auf einem einzigen Gebiet hochgradig talentiert: Er ist der Herr der Düfte. Er kann machen, daß die Luft stinkt – und das alles ohne Hilfsmittel. Obwohl sein Wahlspruch ist „Nur ein totes Tier ist ein gutes Tier!“, liebt er seine Katze Lulu. Sie würde er jederzeit heiraten, wenn Ehen zwischen Tier und Mensch erlaubt wären.

In einem sind sich die restlichen Roadies 100 %ig einig: Wenn einer es schaffen könnte, einen Psychiater zum Selbstmord zu treiben, dann er! Die Monster aus den Filmen „Alien“ oder „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder aus ähnlichen Filmen würden sicherlich das erste Mal in ihrer Geschichte einen Körper unfreiwillig und fluchtartig verlassen, sollten sie sich jemals in Kussi hineinverirren.

Da er den Blick in sich selbst hinein verweigert, lehnt er vehement psychiatrische Hilfe ab. Das ist folgenschwer für die anderen Bandmitglieder, die sich regelmäßig dem Alkohol erst hin- und danach übergeben müssen, um nicht als seelischen Wracks zu enden.

 

HERBSE’S ABGANG

 

1987 dann, im verflixten 7.Jahr hatte Herbse – nach 130 Auftritten – die Schnauze voll von unserer Musik. Seine Bassfinger waren im Laufe der Jahre zwar unglaublich schnell geworden und er spielte „In the Year 2525“ von Zager & Evans mit zwei Durwechseln grandios und abgewichst wie einst Duane Eddy. Bei einer Luftgitarren-Weltmeisterschaft hätte er es lässig aufs Treppchen geschafft. Trotzdem war ihm unsere Musik irgendwie peinlich geworden. Überhaupt hatte im Laufe der letzten Jahre eine seltsame Mutation durchgemacht. Die Bundeswehr (er war bei den Panzergrenadieren) und seine erste Frau hatten ihn zickig wie ein Weibstück werden lassen – vielleicht hatte er auch mit seinen 25 Jahren schon eine vorgezogene Midlife-Krise ... Jedenfalls brauchte er offenbar einen Neuanfang, versteckte sich schon seit einiger Zeit hinter einem Vollbart. Auch durch seine Sesshaftigkeit in Linkenheim wollte er diesbezüglich auch räumliche Akzente setzen. Beruflich tauschte er den würzigen Geruch von frischem Holz bei Möbel Husser in Hochstetten gegen einen gepflegten Gummigeruch im Goodyear Reifenwerk in Philippsburg. Gestylt wie Don Mascarpone - die Füße wahlweise in Espandrillos oder italienischen Schnellfickerschuhen – gab er sich mit Freunden dem Discothekenleben hin. Coolness war angesagt. Herbse wechselte in dieser Zeit die Frauen wie Markus seine Unterhosen: Wöchentlich. Sein erklärtes Lieblingslied jener Zeit war das verschwurbelt halbgare „Smooth Operator“, die akustische Wichsvorlage von Sade: Für Herbse das erotischste Lied der Welt. Diese seltsam halbgare und unterkühlte Stimmung trug ihn die nächsten 10 Jahre durch das Nachtleben.

Bis sich die Roadies anlässlich ihres Auflösungs-Abschluß-Ausflugs an ihn erinnerten. Und er war nicht wieder zu erkennen: Der Bart war ab, die Haare knapp, das T-Shirt auch. Waren das etwa Gummiablagerungen an seinen Hüften oder hatten ihn die Kochkünste seiner zweiten Frau diesen Genussmenschen aus ihm gemacht? Der Zerrspiegel an der Wand des Proberaums bevor dieser renoviert wurde, hätte in Herbse endlich seinen Meister gefunden! Die Umgang mit türkischen, rumänischen, russischen, brasilianischen und Pfälzer Gastarbeitern an seinem Arbeitsplatz hatten ihn herzlich werden lassen. Sogar seine Witze waren plötzlich zum Lachen ... Aber dazu später. Zurück ins Jahr 1987.

 

VOLKER

 

In einem letzten Akt tanzmusikalischer Restwärme brachte Herbse unserem neuen Bassgitarristen Volker, der bereits seit einigen Wochen über der Gartenstrasse 30 seine Kreise zog, in einem halbstündlichen Crash-Kurs das bassistische Grundwissen näher. Spaß beiseite. Herbse hat sich viele Wochen Zeit genommen und mittels routinierter Kniffs und Tricks aus Volker einen soliden „Bass-Worker“ geschmiedet. Volker nahm die Herausforderung an – die Spieltechnik war eines; nun galt es aber die Fingergelenke zu schmieren und das Ganze handwerklich umzusetzen. Volker’s Schweißdrüsen kamen bei Auftritten mit der Produktion kaum hinterher. Vor allem auf seiner Stirn müssen sich vor lauter Stress zusätzliche neue Drüsen gebildet haben – Sturzbäche schossen durch

sein Gesicht. Was für Obi heute das Otriven-Nasenspray, das war zu jener Zeit für Volker das Taschentuch. Niemals ohne auf die Bühne!

Als Akt der Gnade vor Volker wanderte gleich zu Beginn der Zager & Evans-Klassiker in die ewigen Musiker-Jagdgründe. Das konnten wir Rest-Roadies Volker nicht antun. Stattdessen schafften es neue unvergessliche Klassiker auf unsere Setlist. Wer erinnert sich nicht gerne an die Ohrwürmer „Die Kuh“, „Alone in the Night“ oder an den „Schweinetango“? Keine Sau. Aber egal.

Volker wurde immer besser, schaute inzwischen bei Auftritten entrückt drein, als würde sich Claudia Schiffer an seinem Gemächt zu schaffen machen.

Damals spielte er noch mit Gitarrenplättchen dick wie Butterbrote. Heute nach dem gelungenen Revival der Roadies benutzt Volker – ganz der ungarisch-stämmige Schotte – selbstgemachten Plektren, denn diese dünnsten Dinger der Welt, wie er sie bevorzugt, gibt es nirgends zu kaufen. Aus diesen Käsefolien-Plektren überhaupt einen Ton herauszuholen ist Volker’s ureigene Kunst.

So wurde aus dem hemdsärmeligen Rhythmus-Pumper von anno 1987 ein Sound-Minimalist erster Güte. Volker war bei den Roadies eine Zeit lang das musikalische Pendant zum Pferdeflüsterer, nämlich der Gitarrenstreichler. Auch in puncto Lautstärke seines Gitarrenverstärkers agiert er sparsam – sein Blut muß außer schottischen Bestandteilen auch noch einen Spritzer schwäbischen Lebenssaft abbekommen haben. Daher waren seine Töne eine ausgesprochene Rarität vergleichbar den seltenen Sichtungen des Ungeheuers von Loch Ness – nur wenige Personen können von sich behaupten aus dem Sound-Teppich der Roadies schon einmal Töne von ihm herausgehört zu haben, denn dafür war ein geschultes Gehör erforderlilch.  

Mit dieser Zurückhaltung war aber jäh Schluß, als er sich am April 2006 eine neue elektrische Gitarre zulegte und mit in die Probe brachte. Als er um 20 Uhr 36 seinen Verstärker anschmiß und erste Töne zum Besten gab, glaubten die anderen, Keith Richards hätte reinkarniert. Doch dieser Johannes Heesters der Rockmusik ist ja noch gar nicht gestorben. Also muß da etwas anderes mit Volker passiert sein. Wir vermuten stark, dass er bei finalen Arbeiten an der elektrischen Installation seines Hauses zwischen die Drähte geraten ist. Diese überschüssige Energie, die seine Körper dabei abbekommen hat muß er nun anhand rauher, ungeschliffener Gitarrensoli wieder an seine Umwelt zurückgeben. Wir hoffen, dass dieser Zustand sehr lange anhält.

Genau 37 Minuten nach seinem ersten Ton auf der E-Gitarre passierte noch etwas anderes Seltsames. Es machte „pling“ und eine seiner Gitarrensaiten zischte durch die Luft. Das hat es bei Volker noch nie gegeben, dass ihm solch ein Ding während des Spielens gerissen ist. Den Zeitpunkt zum Abschied von einer Saite hat er bisher immer selbst gewählt – kurz vor dem Durchrosten. Nein, nicht wirklich, aber dieser Vorfall gibt allen zu denken, passieren doch im Umfeld von Volker merkwürdige Dinge. Da geht der Batterie seiner Gitarre an Fasching während der Rußheimer Prunksitzung des DCC urplötzlich auf der Bühne der Strom aus. Oder er verheddert ein Jahr darauf auf ebensolcher Prunksitzung auf der Bühne Gitarrenkabel und Gitarrengurt dermaßen, daß sich selbst Entfesselungskünstler Harry Houdini nicht ohne Überstunden zu machen wieder aus dem Gewirr hätte befreien können. Oder beim „Fucking Dance into the May“ im Rußheimer Fischerheim im Mai 2006 als nur noch Krachen aus seinem Verstärker herauskam – schuld waren laut Volker Irritationen an seinem Gitarrenkabel … Wir harren der Dinge, was unser „Mystic“-Volker noch alles für uns parat hat!  

Zurück zu den „alten Zeiten“. Kaum 2 Jahre dabei feierte Volker im Jahre 1989 mit den Roadies das 10-jährige Bestehen im Rußheimer Gasthaus „Zur Kanne“. Zu dieser Veranstaltung luden wir fast die gesamte Rußheimer „Prominenz“ und natürlich alle unserer Freunde ein. Das Motto der Show, welche von der Rußheimer Unterhaltungs-Allzweckwaffe Karl-Heinz Schmidt weltmeisterlich moderiert wurde, lautete „Wetten, dass …?“. Ein Teil der geladenen Vereinsvorstände und Lokalpolitiker wurde von uns zu 10 vorbereiteten Wetten genötigt: Ob Toilettenpapierrollen stapeln oder Getränkeraten oder Nägeleinschlagen oder Stelzenfußball etc. – die Eckpunkte wurden von uns festgelegt und das Publikum konnte seinen Wett-Tipp dafür abgeben, ob der Teilnehmer die Wette swchafft oder ob er scheitert. Zwischen den Wetten kamen – was natürlich nahe liegt – musikalische Darbietungen von ausgewählten Stargästen wie Julio Iglesias, Demis Roussos, Mick Jagger, Nicki und viele mehr.

Nach dieser spaßigen Veranstaltung starteten die Roadies ins zweite Jahrzehnt.

 

PETRA

 

 

Doch noch mal zurück in das Jahr 1987. Nicht nur Volker hatte im Februar 1987 sein musikalisches Debüt. Nein, die Roadies haben sich einen lange gehegten Wunsch erfüllt: Eine Sängerin. Um nicht an den eigenen Ansprüchen zu scheitern machten sie sich erstmal gar keine Vorstellungen über die einzelnen Anforderungen. Weiblich sollte sie sein, basta! In Martin’s Freundeskreis wurde man fündig.Petra Ratzel. Sie passte zu den Roadies wie der Deckel auf den Senftopf. Lustig war sie und singen tat sie eigentlich bisher schon ganz gerne – und noch nicht mal schlecht.

Eigentlich hatten wir uns gewünscht, dass sie noch ein wenig Keyboard spielen könnte, aber dieses Know-How war leider nicht vorhanden; aber … die Bereitschaft, einige Grundkenntnisse zu erwerben und die Harmoniebegleitung einiger Lieder auf dem damaligen Stolz der Roadies, dem Crumar Orchestergerät zu spielen. Also beschloß Martin, seine Tastenkenntnisse mit Petra zu teilen. Petra nahm diese Aufgabe sehr ernst und schon bald konnte sie die geläufigsten Dur-Akkorde zu manchen Songs beisteuern. Gelegentlich legte sie zwar gedankenverloren ihren Busen auf der Tastatur ab, sodaß Misstöne durch die Lautsprecher gellten, aber sie war zweifelsohne eine Bereicherung. Ihr Highlight “To know him is to love him“ von den Teddybears, bei dem regelmäßig Gänsehaut-La-Olas über die Körper der Zuhörer wogten, wird unvergessen bleiben. Petra blieb einige Jahre bei der Stange, bis sie 1991 schwanger wurde und sich der Aufzucht und Hege ihres Sohnes Marcel widmen musste. Schön war’s.

 

OBI’S ABGANG

 

Die Neunziger Jahre waren schon voll im Gange, da begann Obi zu schwächeln. Irgendwie wollte er nicht mehr so recht. Das Singen über „schneeweiße Busen am Donaustrand“, „sterbend daliegende Rehlein im grünen Wald“, „heute und morgen blau zu sein“, über eine „Goaß, die weg ist und einen „Flieger aus Papier, der in der Dämmerstunde ’rumsteht“ hatten ihn psychisch destabilisiert. Fasching 1993 bereitete er seine Musikerkollegen schonend darauf vor, dass er mittelfristig aussteigen würde. Obi hatte zwar nicht das Talent eines Carlos Santana, aber er operierte am Rande seiner Möglichkeiten, prägte den besonderen Sound der Roadies – mit einer etwas lauteren Gitarre als üblich – mit. Das „Apache“ der Shadows zupfte er aber, so als ob der Geist von Hank Marvin (deren begnadetem Lead-Gitarristen) in ihn gefahren wäre. Ansonsten ließ er aber, ebenso wie die anderen, die vertraglich vereinbarten „Verspieler“ in die Musik einfließen – bei seinen brachialen Gitarrensoli viel ihm das noch nicht einmal schwer.

Da nun mit seinem Ausstieg ein elementares Instrument und auch die Haupt-Singstimme wegzufallen drohte, beriefen die drei verbliebenen Rest-Roadies den Krisenstab ein. Sie wollten auf jeden Fall weitermachen. Das wie bereitete aber durchaus Kopfzerbrechen. Am Ende kristalliesierten sich zwei Eckpunkte heraus: Die Stimmen mussten kräftig geölt werden und – weitaus wichtiger – eine technische Aufrüstung war unverzichtbar. Dafür musste jeder von den dreien tief in die Tasche greifen. Aber es hat sich gelohnt. Die Roadies verabschiedeten sich vom gitarrendominierten Sound.

Von nun an waren das Keyboard und ein Sequenzer Herz und die Seele der Band. Martin hatte bei Auftritten im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun, denn auch die Bass-Sequenzen wurden über seine Kommandobrücke abgewickelt – Volker „sattelte“ um auf dezente elektrische Gitarre – die er mit den bereits erwähnten Gitarrenplektren liebkoste. Dazu passte leider die antike Schießbude von Markus nicht mehr wirklich – ein in der Lautstärke regulierbares elektronisches Schlagzeug musste her.

Volker trat außerdem das Erbe von Obi’s Conference bei Auftritten an. Das war allerdings nicht sonderlich schwer, denn die war bisher äußerst spärlich ausgefallen. In diese Fußstapfen zu treten bereitete Volker sichtlich Freude und er reifte an dieser Aufgabe. Die drei Roadies klotzen nun mit neuem Sound, neuen Liedern, von Volker mit Leichtigkeit, Witz und Spontaneität moderiert, ordentlich ran. Fasching 1994 war es dann soweit: 1 Jahr nach Obi’s Ausstiegs-Ankündigung machte er in der Rußheimer Pfinzhalle seine letzten Auftritt. Es fiel ihm nicht leicht, aber brauchte Spielraum für eine neue Herausforderung. Er hatte sich seit einiger Zeit in den Kopf gesetzt, das Drehbuchschreiben zu erlernen. Damit war er mit dem künstlerischen Impressario und Theaterstückeschreiber der Karlsruher „’d Badisch Bühn“ Jürgen Hörner, schon einige Zeit zu Wege, aber das Ganze erforderte deutlich mehr zeitliches und mentales Engagement. Die nächsten Jahre widmeten sich die beiden mit äußersten Passion dem Perfektionieren dieses filigranen Handwerks und schlossen ihre gemeinschaftliche Lehre mit einem gemeinsamen Gesellenstück ab. Dieses Werk ruht nun seit einigen Jahren in einer Schublade und reift vor sich hin wie ein guter Rotwein.

 

DAS ROADIES TRIO

 

Ja, kaum war Obi weg, starteten die Verbliebenen (mit neuem Logo) durch und spielten sich durch eine Vielzahl von Veranstaltungen: In Flippers-Gedächtnis-Hemden und in eben deren erfolgserprobten Besetzung groovten sie Kurgäste in Bad Mingolsheim ins künstliche Koma, brachten die Höpfner-Burg beim Burgfest ins Wanken, rockten Volker’s SEW-Kollegen an den Rand des Wahnsinns und spielten unzählige Hochzeitspaare ins Nirwana.

Am 14. Februar 1998 schafften Sie es dann sogar in den Hardt-Teil der Badischen Neuesten Nachrichten. Eine ganze Seite (!!) war dem Traditionsblatt die Berichterstattung wert.

Danach konnten sie sich vor Auftritten kaum noch retten. Doch schon ein Jahr später gab es Abnutzungserscheinungen bei den Musikern, schließlich war nebenbei auch der Hauptberuf zu „erledigen“. Es galt „hüh“ oder „hott“ – Weitermachen mit Hauptberuf Tanzmusiker oder Weitermachen wie bisher und zu den geistigen Ausfällen auch noch massive körperliche Ausfälle wegen Schlafmangels in Kauf nehmen. Sie beschlossen, das „BUCH ROADIES“ nach 5 Jahren „Zweiter Frühling“ endgültig zu schließen. Wenn es am Schönsten ist, soll man bekanntlich aufhören – 20 Jahre waren genug. Auf dem nachgefeierten 40. Geburtstag von Gesangvereinsvorstand, Gemeinderatsmitglied und (noch viel wichtiger) Alt-Wunderbarler Lothar Nees im Herbst 1999 sollte der letzte Auftritt über die Bühne gehen. Irgendwie kam ihnen da, zum Abschluß dieses erfolgreichen Kapitels, eine saugute Idee mit weitreichenden Folgen: Sie haben die beiden Roadies-Reservisten Herbse und Obi zu einem 3-tägigen Abschlußausflug nach Haslach im Kinzigtal (Schwarzwald) eingeladen. Die Instrumente natürlich im Gepäck. Und dort wurde dann die Idee geboren, weiterzumachen – allerdings „unplugged“, des heißt ohne elektrische Hilfsmittel.

 

DAS REVIVAL

 

Nur so aus Spaß an der Freud’ um den Musikerstammtisch im Proberaum herumlungern und ab und zu ein paar Lieder schrubbeln, das wär’s doch …?! Am Millennium-Silvester wurde diese Idee dann gefestigt und das folgenreichste Revival in der Geschichte der Roadies nahm seinen Lauf.

Von nun an ließen die (von nun an) fünf Roadies keinen Mittwoch vergehen, um im rauchfreien Proberaum (das Rauchen hatten wir kollektiv an Silvester aufgegeben) dem gemütlichen Beisammensein zu frönen. Damit es beim Musikzieren nicht ganz so konfus zuging hat Obi einen „Forty-Niner“ erstellt, ein Liederbuch mit 49 unserer Lieblingssongs. Auf dieser Grundlage entwickelten sich dann das aktuelle Programm der Roadies – natürlich immer wieder ergänzt durch neue Ohrwürmer. Die Roadies entwickelten ein gemeinsames Faible für südamerikanische, spanische und country-westernmäßige Rhythmen – kurz Tex-Mex genannt. Das sollte unsere zukünftige Marschrichtung sein.

Halt, wird sich mancher schon gefragt haben: Wie spielt man einen Synthesizer ohne Strom? Martin hat eine Lösung gefunden und sein Gerät einfach zusammengefaltet. Am Schluß sah des aus wie ein Akkordeon – und so klingt es auch. Inzwischen hat er drei Stück davon – in verschiedenen Größen. Ein Großes und schweres, welches er nur im Sitzen spielt, ein Mittleres, welches er bei größeren Veranstaltungen benutzt und ein Kleines, welches er spielt, wenn er betrunken ist.

 

Aber erst noch mal zurück in’s Jahr 2002. Da kam dann doch eine erste Anfrage nach musikalischer Einlage auf einem 50.Geburtstag. Eigentlich war nur Martin gefragt worden, ob er das nicht machen würde. Ganz wohl war ihm nicht dabei, denn das Akkordeonspielen hat er ja schließlich nicht mit in die Wiege gelegt bekommen und er war sehr wohl noch in einer Lernphase – wenngleich er in jener Zeit den inneren Schweinehund sehr oft überwand und übte bis es unter den Fingernägeln hervorqualmte. Also haben die anderen vier sich spontan entschlossen, ihm den Rücken zu decken. „Komm, daß d’ net so allein bist … gehen wir halt mit!“ Da haben die Roadies dann erste Kostproben des Repertoires der „neuen“ Roadies gegeben. Und des hat nicht nur dem Geburtstagskind und den Gästen, sondern auch den Roadies ganz gut gefallen.

Obi warf hinterher gut gelaunt in die Runde „Das könnten wir eigentlich ‚mal wieder’ machen!“ worauf seine Mitmusiker ihm fast einhellig zustimmten – lediglich Volker war noch nicht ganz wieder „in der Spur“. So hat Martin das dann relativiert „Da entscheiden wir von Fall zu Fall darüber, ob alle Lust haben und dann spielen wir nach Lust und Laune.“ Volker warf noch mal ein „Aber keinen ganzen Abend mehr, sondern nur kürzere Einlagen!“. „Alla gut!“ Zustimmendes Kopfnicken der anderen.

 

DIE DESPERADOS

 

Und so kam den Roadies dann auch eines feuchtfröhlichen Abends die Idee, die Rußheimer Prunksitzung mit einigen flotten Beigaben zu bereichern. Der DCC war Feuer und Flamme und in dem inzwischen schon beachtlichem Fundus der Band fanden sich schnell einige Knüller. Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen kam irgendjemand der Roadies auf die glorreiche Idee, den Auftritt nicht in stinknormalen Klamotten zu bestreiten, sondern für Fastnacht ein südamerikanisches Outlaw-Outfit anzulegen, um keine Zweifel daran zu lassen, dass jetzt Fiesta angesagt ist. Und es kam noch dicker: Nicht Roadies sollte der Auftrittsname sein, sondern „Desperados“ - unser Alter Ego, unser anderes, cooles und abgebrühtes Ich. So kam es dann, dass aus zwei verschiedenenfarbenen Tischdecken Ponchos gezaubert wurden und jeder auf den Kopf noch einen Sombrero (für alle die nicht englisch können: Sombrero = Mexikanerhut) so groß wie ein UFO bekam. Das saß! Optisch und akustisch.

Der Auftritt am Faschingssamstag 2003 ein voller Erfolg, sodaß uns der Musikverein Liedolsheim für das Folgejahr 2004 auch für seinen Büttenball engagierte. Dort haben wir das Programm dermaßen mit „Baila Baila“ und „La Bamba“ „verfeinert“, daß der Saal ganz aus dem Häuschen war. Offenbar wurde dabei der erlaubte Stimmungspegel überschritten, denn seither durften die Roadies in Liedolsheim nicht wieder „ran“.

 

HARRY

 

Ja, bei diesem Liedolsheimer Auftritt hatte Harry (der künstlerische Neuzugang im Herbst 2003) seine musikalische Feuertaufe bei den Roadies. Es hat doch nicht etwa an ihm gelegen, dass man uns dort nicht mehr will? Nein, ganz sicher nicht, ist er doch eine weitere musikalische Bereicherung!

Harry ist Volker’s älterer Bruder und hat vor langer Zeit beim Musikverein Russheim Posaune gelernt aber schon vor über 20 Jahren seine Laufbahn dort beendet und die Posaune an die Wand genagelt.

Das war es also, worauf die Roadies scharf waren: Nicht auf sein Gesangstalent waren sie scharf. Nee nee, ein wenig Bläser-Unterstützung ist bei südamerikanischer Musik absolut kein Fehler. Und daher haben wir jedes Jahr bei Volker’s Geburtstagsfeier nicht lockergelassen und Harry gelöchert, er möge doch mal bei den Proben vorbeischauen. Erst mochte er nicht so recht, wollte mit einem Freund zusammen das klassische Gitarrespielen lernen. Nachdem die beiden aber zwei Gitarrenlehrer ins Grab gespielt haben, sah er das als Wink des Schicksals und er gab unserem Flehen nach. Nachdem bei den musikalischen Vorbildern der Roadies, bei der Gruppe HISS deren Mundharmonikaspieler Roy Roth weltmeisterliche Töne aus dem Instrument herausholt, beschloß Harry: „Das will ich auch machen!“ Damit stolperte er bei den Roadies durch offene Türen. Hand drauf!

Die Roadies dachten, Harry würde hervorragend zu ihnen passen … und recht hatten sie damit. Er lebte sich sehr schnell ein und war schon bald nicht mehr wegzudenken.

Zunächst zierte er sich noch mit der Posaune, wollte durch entspanntes Bongospiel zu manchen Songs unsere empfindliche Percussion bereichern. Das war die beste Idee seit der Erfindung des Flaschenöffners: In kürzester Zeit machte sich Harry einen Namen als musikalischer Blindenhund von Markus! Endlich konnte die Roadies den Über-Trommler aus der Scheffelstraße einigermaßen bändigen.

Nach und nach kamen auch schon erste Töne aus Harrys’s Mundharmonika - mal bissel bessere, mal bissel schlechtere. Aber auch er wuchs an seinem Instrument und holt derweil göttliche Töne aus den Luftkammern der kleinen Tröte.

 

Ach ja, Harry hat eine dunkle Seite: Er hasst Gläser und nutzt jede Gelegenheit sie unauffällig auf den Boden zu werfen. Er vergisst aber jedes Mal, dass man das leider hört und versucht, sich dann heraus zu reden. Trotzdem tut er es immer wieder. Wahrscheinlich war er in seinem Vorleben im Mittelalter königlicher Hofglasbläser, der mangels Talent geköpft oder gevierteilt worden ist. Reste dieses Karmas muß er nun wohl noch in seinem aktuellen Leben aushauchen … Wer weiß, …?

ROLF

 

Im August 2005 bahnte sich eine weitere Veränderung an. Auf dem Sommerfest der „Obi’s“, bei dem seit einigen Jahren auch immer wieder die Roadies die Wirkung ihrer neuesten Lieder testen, geschah es. Beim mittäglichen Aufbau meinte Martin zu Rolf Hager, der mit vielen anderen auch eingeladen war, so nebenbei „Rolf, bring’ doch heute Abend mal dein Saxophon mit.“ Und er tat es. Allerdings stellte er es erst einmal im Verborgenen ab. Als die Roadies dann unter dem Garten-Carport ihr kleines Herren-Gedeck aufbauten, wollte er aber erst kneifen. Volker hakte aufmunternd nach „Rolf, was ist …?“ Das Wetter war super, die Stimmung auch, also was sprach dagegen? Das Liedgut mitsamt Harmonien war ihm nicht geheuer. Da die Roadies doch überwiegend exotische Gassenhauer spielen – und dann auch noch in Tonarten, die einem Saxophon nicht „so liegen“, schien ein spontanes Quereinsteigen schier unmöglich. Also eilte Rolf kurzerhand die wenigen Meter nach Hause und holte einige Notenblätter. „Sail along silv’ry Moon“, „Sentimental Journey“ und das begnadete „Slow Motion“ von Pete Tex hatte er im Schlepptau. Nach einer kurzen Lage- und Durbesprechung begeisterte er die Gäste und bließ sich in die Herzen der Roadies.

Auch er ist ein Ziehkind des Musikvereins Russheim, war zur gleichen Zeit aktiv wie Harry. Die beiden waren damals gut befreundet, hatten sich dann aber aus den Augen verloren. Nun schloß sich der Kreis wieder. Martin hatte die beiden nicht in sonderlich guter Erinnerung, da er seinerzeit - als er beim Rußheimer Musikverein Querflöte lernte - von den beiden gemeinschaftlich gemobbt wurde. Das hat ihm jedenfalls seine Mutter erzählt – er selbst hat diese Geschehnisse als Traumata verdrängt, kann sich nicht mehr daran erinnern.

Also gut, was ich nicht mehr weiß, macht mich auch nicht mehr heiß. Auch er hatte nichts dagegen, als Rolf in die nächste Probe eingeladen wurde.

So kündigte sich nach dem Mann mit der großen Posaune und der kleinen Tröte ein weiterer Zuwachs an: Der Mann mit der großen Tröte und dem Tisch der Welt. (Das ist ein Insider-Gag!)

Rolf hatte nicht nur diese drei Lieder „drauf“. Im Gegenteil, er voll und ganz Routinier – und das nicht nur auf dem Saxophon, sondern auch auf der Klarinette. In den 80er-Jahren hat er semi-professionell bei den Linkstetter Musikanten mitgespielt, die regional einen guten Ruf haben. In den 90ern dann wechselte er in die Profi-Liga und spielte bei der Volksmusik-Showband „Krümler Buam mit Margarete“. Das Touren kreuz und quer durch die Republik bekam er aber zunehmend gesundheitlich und logistisch irgendwann nicht mehr auf die Reihe, da er hauptberuflich ein eigenes Geschäft als Fliesenleger hatte. Also beendete er Mitte der 90er seine musikalische Laufbahn und mottete sein Blechstück ein. Bis dann 2005 die Roadies kamen.

Rolfi „der Scharfe“ Hager (er liebt allerschärfste Pepperoni und nötigt seine Umwelt bei jedem Anlass, den feurigen Genuss mit ihm zu teilen) fand Gefallen an deren musikalischer Welt. Aus der einen Probe wurden also viele und da Rolf auch gerne mal bei den Percussions mitmischt, haben die Roadies mit ihm eine weitere Schraubzwinge, Markus in Schach zu halten, der immer noch glaubt, er könne mit seinem Schlaginstrument Melodien spielen. Ja, geht’s noch …?

Ja, die Roadies fanden eine weitere Vergrößerung reizvoll. Hier passte, wie auch schon bei Harry, alles, denn auch Rolf liebt das feuchtfröhliche und lustige Miteinander. Und daß bei den Roadies dabei gelegentlich auch noch flotte Lieder herauskommen ist auch kein Fehler! Da waren es auf einmal sieben …

 

UND WIE GEHT ES WEITER? – WHAT EVER WILL BE …

 

Doch keine Zeit für Rolf, das alles gemütlich anzugehen, denn Fasching stand schon wieder vor der Tür und der DCC bat für seine Tanz-Prunksitzung um ein musikalisches Sahnehäubchen. Außerdem wollten die Roadies den Schmutzigen Donnerstag wiederbeleben. Der Musikverein Russheim und die Music Company griff ihnen dazu ein wenig unter die Arme. Die Roadies wollen zeigen, dass man auch in Russheim eine vernünftige Weiberfastnacht feiern kann. Daher wird es diese Veranstaltung regelmäßig geben.

Also musste baldmöglichst ein Desperado-Anzug her.

 

Die Roadies hatten nämlich schon Anfang 2005 an ihrem äußeren Erscheinungsbild gefeilt und sich entschieden, ihrer mexikanischen Seelenverwandschaft noch mehr Ausdruck zu verleihen: Schwarze Mariachi-Blousons mit gelben oder roten Bordüren, Bauchbinden, individuell gestaltete weiße Hosen und ausgetretene Cowboystiefel – der Sombrero wurde selbstverständlich beibehalten.

Hey, plötzlich waren die Roadies fast laufsteg-tauglich und trotz ihres Alters ein optischer Leckerbissen.   

 

Einzig und allein der Umstand, dass Martin Ende 2004 seinen Keller umgestaltete und unseren traditionellen Proberaum endgültig zum Werkraum degradierte ist ein bitterer Wermutstropfen, der manchem schwer zu schaffen macht.

Da kein geeigneter Gruppenraum für die Meetings gefunden werden konnte, geben sich die Roadies seither dem Probentourismus hin und treffen sich im wöchentlichen Wechsel bei einem anderen Mitglied.

So sitzen die Roadies jetzt entweder im Wohnzimmer von Markus’ Mutter, in der Party-Garage bei den Obi’s, in Herbse’s Partyraum, in Martin’s Musikzimmer, in Rolf’s Kellerraum oder in Harry’s Küche. Das war anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen hat das auch seinen Reiz.

 

Naja, vielleicht findet sich doch noch der ultimative Raum für die gemütlichen Proben.

Spätestens im Rentenalter wird jedenfalls das Altersheim aufgemischt – da gibt man den sieben (oder sind es dann vielleicht noch mehr?) sicherlich freiwillig einen schalldichten Raum, wenn sie mit ihren Gichtfingern verzweifelt das Letzte aus ihren Instrumenten herauszuholen versuchen …

 

Ja, momentan macht den Roadies des Ganze saumäßig Spaß, sodaß sie an das Aufhören ganz bestimmt noch nicht denken. Allerdings wollen sie nicht mehr in der „Weltgeschichte“ rumgurken, sondern nur noch das machen, was ihnen gefällt.

Die sporadischen Auftritte werden sich sicherlich größtenteils auf Russheim und Liedolsheim beschränken – Dettenheim halt. … und ganze Abende werden nach Möglichkeit auch nicht mehr bestritten – wenn man die Jungs so ungeschminkt ankuckt … das Leben hat sie doch schon schwer gezeichnet …!

 

Für Generalbundesanwalt Kay Nehm haben sie im Mai 2006 allerdings noch mal eine Ausnahme gemacht …